Die RechtschreibreformEin Erfahrungsbericht von Manfred Detzner
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Erst kommt de Wanze und dann de Wanzenordnung!
Viele Unterrichtsstunden verwende ich darauf die Defizite in den genannten Bereichen aufzuarbeiten. Der Lernerfolg ist in meinen Augen jedoch bisher leider im Großen und Ganzen unbefriedigend:
Erschwerend wirkt sich zusätzlich noch aus, dass die für die Jugendlichen unüberschaubare Anzahl von Rechtschreib- und Zeichensetzungsregeln weder als erlernbar noch als beherrschbar empfunden und erfahren wird. Ältere Schüler/innen - in der Regel Menschen, die schon eine mehr oder weniger lange berufliche Laufbahn hinter sich haben, oftmals in leitender Position oder als Selbstständige - gehen an den Problembereich meist differenzierter und reflektierter heran: Sie sind in der Regel eher bereit die erkannten Defizite aufzuarbeiten, sind aber auch selbstbewusst genug unlogische oder unnötige Differenzierungen in Orthografie und Interpunktion - trotz Notendrucks - prinzipiell für sich abzulehnen (z. B. Komma vor "und", im dunkeln, im Dunkeln). Die Auswirkungen dieser in groben Zügen angedeuteteten Positionen kann sich der Leser leicht ausmalen: die Mehrheit der Schüler/innen erhielt im Bereich "Sprachrichtigkeit" bisher bei schriftlichen Leistungsnachweisen Zensuren zum Teil deutlich schwächer als "befriedigend". In manchen Klassen wurde "mangelhaft" leider die Standardnote. Muss "mangelhaft" wirklich die Standardnote sein? Nein - nicht mehr! Seit ich Leistungsnachweise gemäß der Rechtschreibreform korrigieren darf, sind die Teilnoten auf den Bereich "Sprachrichtigkeit" deutlich besser geworden, in manchen Bildungsgängen um mehr als eine ganze Notenstufe - und das alles ohne eine einzige Unterrichtsstunde zum Thema "Rechtschreibreform"! Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Es zeigt sich, dass die neuen Regeln dem "Endverbraucher" deutlich mehr entgegenkommen:
Im Bereich der Interpunktion wird dem Schreibenden deutlich mehr Ermessens- und Interpretationsspielraum eingeräumt. Er ist nicht mehr so sehr ein Opfer starrer und trickreicher Reglementierung durch ein verstaubtes und selbst von manchen "Fachleuten" nicht mehr vollständig beherrschbares Regelwerk, sondern Schriftsprache wird wieder mehr zum Medium des Nachrichtentransportes für durchschnittlich gebildete und logisch denkende Menschen. Die Rechtschreib-Normen sind endlich mehr den Fähigkeiten und Bedürfnisse des Individuums untergeordnet worden und haben dadurch auch selbst menschlichere Züge angenommen.
Wohlgemerkt - die genannten positiven Erfahrungen beziehen sich auf
Schüler/innen, die bisher ausschließlich gemäß der
alten Norm Texte verfasst haben. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich bin der Auffassung, dass die Reform der deutschen Rechtschreibung hätte noch konsequenter bzw. mutiger ausfallen können und sollen, aber sie ist trotz aller Schwächen und Ungereimtheiten zweifellos ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung! (Man möge mir bitte nicht unterstellen, dass ich über die Schwächen, so zum Beispiel den Verlust an sprachlicher Trennschärfe durch neue Regeln in der Groß- und Kleinschreibung, nicht reflektiert hätte.) Viele aus dem Kreise derjenigen, die aus mannigfaltigen, in meinen Augen oft vorgeschobenen Gründen die Reform ablehnen, verlangen auf der einen Seite von unserer Jugend die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen - für sich selbst scheinen sie auf der anderen Seite diese Bereitschaft jedoch nicht reklamieren zu wollen.
Vielleicht sollten wir alle einfach wieder einmal Zuckmayer lesen. Wer umfassende und fundierte Informationen zur Rechtschreibreform sucht, findet unter der URL http://www.wuerzburg.de/rechtschreibreform eine unglaublich vielfältige Auswahl an Materialien. Ebenso empfehlenswert ist ein virtueller Besuch des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim.
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© M. Detzner, Speyer, 1998 ff |